Corona und die Einsamkeit

Ein Plädoyer gegen spontane Anrufe

Ist es nicht unbestreitbar ein riesiges Glück, dass wir in diesen Zeiten fast alle mit Smartphones ausgestattet sind? So gut wie im Jahr 2020 waren wir nie zuvor vernetzt. Irgendjemand in unserem Freundeskreis ist eigentlich immer erreichbar, sei es per Mail, Kurznachricht oder –mittlerweile fast altmodisch– per Anruf. Und trotzdem lässt sich dieses Gefühl nie ganz abschütteln, dass ein Telefonat in der Isolation doch nicht das Wahre ist, dass dem Gespräch etwas fehlt und dass alles erst wieder richtig gut wird, wenn man sich auch treffen kann.

Um diesem Gefühl entgegen zu wirken, soll dieser Text als Plädoyer verstanden werden: Als Plädoyer gegen den spontanen Anruf. Der hat zwar durchaus seine Vorteile: Wenn ich jemanden überraschen oder schnell etwas organisieren möchte, dann ist der spontane Anruf sehr hilfreich. Es ist auch nicht so, dass man sich über den einen oder anderen spontanen Anruf nicht freuen würde. Doch als Überbrückung in einsamen Zeiten reicht er allein nicht. Denn wenn die Person, die angerufen wird, nicht gerade selbst zum Hörer greift, hatte sie vermutlich andere Pläne als ein Telefonat und ist im Zweifel nicht ganz bei der Sache.

Deshalb mein Tipp: Verabreden zum Gespräch! Ja, zum Telefonieren einen Termin ausmachen. So als ob man sich zum Mittagessen oder Feierabendbier trifft, wie zum Spaziergang oder zur Kaffeepause. Mit fester Uhrzeit und dem impliziten Versprechen, nebenher nicht noch die Küche zu putzen, den Boden zu saugen oder mit einer Hand das Auto in eine Parklücke einzufädeln. Das Schönste am gemeinsamen Treffen ist nämlich die Vorfreude, den anderen bald wieder zu sehen, sich Zeit für ihn*sie nehmen zu können und dass man sich für eine Weile nur auf einander konzentriert. Das wiederum funktioniert am besten, wenn sich vorher beide einig sind, wann man dies tut.

Und wenn wir gerade dabei sind, warum sollte man eigentlich auf ein gemeinsames Getränk verzichten? Wenn sich jeder ein Glas schnappt und die Webcam einschaltet, kann man auch in Corona-Zeiten den Freund*innen zuprosten, gemeinsam essen, die gemütliche Kaffeepause zu zweit verbringen, das Bier zum Feierabend genießen, all dies ist für die Handys, Tablets oder PCs ein Leichtes. Wichtigste Regel hierbei: Parallel surfen, Mails checken oder schreiben ist genau so tabu wie in der ‚echten‘ Runde.  

Man muss sich auch nicht nur zu zweit verabreden. Diese Erfahrung habe ich neulich gemacht: Sechs Freunde, jeder sein Getränk, sein Sofa, seine Wohnung aber alle vereint im gemeinsamen Videochat. So viel wie an diesem Abend haben wir selten gelacht und an keinem blieb die Aufgabe hängen, alles aufzuräumen. 

Daher mein Tipp gegen die Einsamkeit in der Corona-Zeit: Die Anderen nicht mit eine Spontananruf überfallen und sich danach wundern wenn man sozial nicht auf seine Kosten kommt, sondern verabreden, zusammensetzen und gemeinsam Zeit verbringen wie sonst auch – nur halt digital. 

Andreas Zaiß

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