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MUV am Bodensee – Ein Blick hinter die Kulissen meines Betriebssystems
© Himesh Kumar Behera (Unsplash)
MUV

MUV am Bodensee – Ein Blick hinter die Kulissen meines Betriebssystems

4. November 2025 Mailin Drenkard 6 Min. Lesezeit

Erster Seminartag

MUV – Modell des unbewussten Verhaltensautomatismus.
Klingt erstmal nach dem Handbuch für eine Maschine – ist aber das genaue Gegenteil. Es geht um uns. Um das, was unter der Oberfläche abläuft.
Am ersten Seminartag sitzen wir als bunte Gruppe zusammen. Wir bringen unterschiedliche Hintergründe sowie verschiedene Geschichten mit und doch zeigt sich gleich: Wir haben mehr gemeinsam als gedacht.
Unpünktlichkeit stresst viele von uns. Unordnung ebenso. Und wenn alles es zu viel wird, dann hilft den meisten frische Luft und Bewegung. Einfach einmal raus aus dem Kopf und rein in den Körper.
Andreas nennt das Ganze unser „Betriebssystem“ – das, was unbewusst in uns abläuft und in hohem Maß unser Denken, Fühlen und Handeln bestimmt.
Ich denke: Wie bitte, was?
Der Gedanke, dass so vieles in mir automatisch abläuft, fühlt sich für mich zunächst ungewohnt und ein wenig unbequem an. Es ist irritierend, die Kontrolle über etwas zu verlieren oder zu merken, dass ich sie vielleicht nie wirklich hatte. Und doch liegt darin auch etwas Spannendes: die Möglichkeit, sich selbst auf eine neue Weise kennenzulernen.
Mit der Zeit wird mir immer klarer, dass dieses Seminar eine Einladung ist, sich selbst besser zu verstehen.

Unser Selbstbild unter der Lupe

Wir sprechen über das Selbstkonzept. Es entsteht über Jahre, Stück für Stück, aus Erfahrungen, Rückmeldungen und dem, was wir daraus machen. An diesem Punkt beginne ich zu verstehen, dass mein Selbstbild nicht „die Wahrheit“ ist, sondern eine Sammlung meiner ganz persönlichen Eindrücke und Deutungen.
Und dann kam mein erster Aha-Moment: Manchmal genügt schon eine kleine Fehlinterpretation, um dieses Konzept und das damit verbundene Bild von uns selbst zu verändern.
Es genügt ein beiläufiger Satz oder ein missverstandener Blick, und schon beginnen wir, anders über uns zu denken. Nicht, weil sich die Realität geändert hätte, sondern weil wir sie anders wahrnehmen. Da wird spürbar: Unser inneres Navigationssystem folgt manchmal alten Karten. Und erst wenn wir sie überprüfen, erkennen wir, wo sich Umwege eingeschlichen haben.
Mit der Zeit verstehe ich, warum ich heute in vielen Situationen anders reagiere als früher. Äußere Rückmeldungen, Bewertungen oder auch kleine Erlebnisse haben mein Verhalten stärker geprägt, als mir bewusst war. Manche Reaktionen von außen haben (unbewusst) dazu geführt, dass ich bestimmte, ganz natürliche Seiten von mir zurückgenommen oder angepasst habe, um Erwartungen zu erfüllen oder Anerkennung zu behalten.

Polaritäten erkennen und verstehen statt bewerten

Ein zentrales Thema des Tages sind die Polaritäten – Gegensätze in uns, die beide wertvolle Seiten haben. Im MUV-Modell gibt es vier solcher Polaritäten:
heiter <-> übertreibend („Begeisterer“),
gelassen <-> getrieben („Ruhender Pol“),
stolz <-> leidend („Ritter“),
empfindsam <-> rigoros („Fels in der Brandung“).
Jeder hat zwei dieser vier Polaritäten in seinem Betriebssystem.
Welches Programm gerade aktiv ist, hängt stark von unserem inneren Zustand ab. In Ruhe sind wir möglicherweise offen, spontan, zugewandt. Unter Druck vielleicht kontrollierend, zurückhaltend oder empfindlich.
Jeder Mensch folgt dabei seinem eigenen inneren Programm. Und genau das zeigt sich in den Geschichten, die im Seminar geteilt werden.
So wird etwa aus einem simplen Staubsaugerkauf eine kleine Wissenschaft: Während die eine Person längst bezahlt hätte, vergleicht die andere akribisch Leistung, Lautstärke und Ersatzteillisten – bis das perfekte Modell (natürlich!) ausverkauft ist.
Für uns Teilnehmende ein Moment zum Schmunzeln und gleichzeitig zum Verstehen. Es geht nicht darum, diese Gegensätze zu bewerten, sondern sie bewusst wahrzunehmen. Beide Seiten gehören zu uns und wer sie erkennt, kann sich selbst und andere klarer verstehen.
Ich nehme mit, dass es nicht mein Ziel sein sollte, eine Seite möglichst gekonnt zum Schweigen zu bringen, sondern beide kennenzulernen und ihren Platz in mir zu verstehen.

Point of Incompetence

Dann taucht ein Begriff auf, der im Raum zunächst für Stirnrunzeln sorgt: Point of Incompetence.
Klingt nicht gerade schmeichelhaft.
Gemeint ist der Moment, in dem unser Stress am größten ist und wir so reagieren, wie wir es an uns selbst am wenigsten mögen.
Kein Wunder also, dass viele im ersten Moment abwinken: „Das passt doch gar nicht zu mir!“
Doch genau dort, wo wir uns wehren, beginnt Veränderung. Denn das Bewusstsein darüber, wann und wie unser persönliches Programm greift, ist der erste Schritt etwas zu verändern.
Ich erkenne, dass ich mein Programm zwar nicht „abschalten“ kann, aber ich kann lernen, es zu erkennen und bewusst zu entscheiden, ob ich ihm folge oder eine andere Wahl treffe. Wenn ich wahrnehme, wann welche Stimme in mir spricht, entsteht Raum für mehr Klarheit, Mitgefühl und innere Balance.
Erinnern Sie sich an die letzte Stresssituation, in der sie völlig anders reagiert haben, als Sie es sich selbst gewünscht hätten?

Wer MUV kennt, versteht sein inneres Navigationssystem besser

Nach und nach wird mir klar: Dieses Seminar ist kein Kurs über Typologien oder Tests, die uns in Schubladen stecken.
Es ist eine Reise nach innen und ein Schlüssel zum Verständnis unseres eigenen Handelns sowie dem unserer Mitmenschen.
Wir erkennen Seiten, die wir bisher eher überspielt haben, und beginnen, unser Verhalten in bestimmten Situationen besser zu verstehen.
Am Ende des ersten Tages wagen wir sogar eine Selbsteinschätzung – noch vorsichtig, mit ein paar Zweifeln.
Wie der Bodensee-Nebel schwebt dabei eine Frage über uns: Werden wir das morgen wohl noch genauso sehen?
Der erste Tag hat mir gezeigt: MUV ist kein Modell über Menschen, sondern ein Werkzeug für Menschen. Es macht sichtbar, was unbewusst in Entscheidungen, Beziehungen oder Stressmomenten in uns wirkt und lädt dazu ein, liebevoller mit sich selbst umzugehen.
Oder, um es mit Andreas’ Worten zu sagen: „Wer MUV kennt, sieht mehr.“
Ich bin gespannt, was ich morgen sehen werde – und vielleicht fragen auch Sie sich: Was könnten Sie entdecken, wenn Sie einmal einen Blick hinter die Kulissen Ihres eigenen Betriebssystems werfen?